Suche
  • Kirsten Dierolf, MCC

4 Gründe, warum man eine Coaching-Vereinbarung braucht, und einer warum nicht.


1. "Natürlich brauchen Sie eine Coaching-Vereinbarung", höre ich Sie fast ausrufen, wenn Sie die Überschrift des Textes lesen. Aber brauchen Sie wirklich eine?


Wer braucht eigentlich eine Coaching-Vereinbarung? Der/die Klient:in? Der/die Coach? Beide? Oder vielleicht niemand außer den Assessor:innen für Coaching-Gesprächen?

Die International Coaching Federation hat in einem gründlichen Prozess eine Arbeitsplatzanalyse durchgeführt, um ihre Kernkompetenzen des Coach


ings zu aktualisieren. In den neuen Kompetenzen lesen wir:

B. Ko-Kreieren der Beziehung

3. Schließt Vereinbarungen ab und hält sie ein Definition: Arbeitet mit Klienten und relevanten Beteiligten zusammen, um klare Vereinbarungen über die Coaching-Beziehung, den Prozess, die Pläne und Ziele zu treffen. Erzielt Vereinbarungen sowohl für den gesamten Coaching-Prozess wie auch für jede Coaching-Sitzung. (CoreCompetencies_October2020_German.pdf (coachingfederation.org))


Aus welchen Blickwinkeln sind also Coaching-Vereinbarungen sinnvoll?

1) Klarheit für Coaching im Organisationskontext schaffen:

Wenn Sie im Organisationskontext coachen und die Organisation Sie dafür bezahlt, eine:n Klient:in zu coachen, ist es sinnvoll, im Voraus zu vereinbaren, was in den Rahmen der Coaching-Gespräche fällt und was nicht. Das aussagekräftigste Beispiel ist hier, wenn ein:e Klient:in möglicherweise möchte, dass Sie ihm/ihr helfen, sich für eine Stelle außerhalb der Organisation zu bewerben, die Sie für das Coaching bezahlt, und die Organisation nicht zugestimmt hat, dass dies im Rahmen des Coaching-Vertrags ist. Wenn Sie sich nicht vorab geeinigt hätten, was im Rahmen liegt und was nicht und Sie dann jemanden beim Verlassen des Unternehmens coachen würden, würde das Unternehmen im Grunde genommen Geld für investieren, was ihm letztendlich schadet. Um das zu verhindern, ist es sehr hilfreich, den Vertrag mit einer Coaching-Vereinbarung zu beginnen, die sowohl die Ziele der Organisation als auch die des/der Klient:innen umreißt. Eine solche Coaching-Vereinbarung verhindert auch, dass die Organisation zu neugierig wird und den Inhalt des Coaching-Gesprächs in Erfahrung bringen will (den Sie natürlich nicht mitteilen können), weil sie sicher ist, dass die behandelten Themen für alle Beteiligten von Nutzen sein werden.


2) Es hilft dem/der Klient:in und dem/der Coach, das Gespräch zu strukturieren:

Eine Coaching-Vereinbarung schafft Klarheit darüber, worum es in dem Gespräch geht, was der/die Klient/in erreichen möchte, was ihm/ihr an dem Thema wichtig ist und worüber er/sie sprechen möchte. Wenn im Coaching-Gespräch ein anderes Thema auftaucht, können Klient:in und Coach überprüfen, ob sie noch auf dem richtigen Weg sind, ob das neue Thema wichtiger ist als das alte und welches Thema weiter verfolgt werden soll. Eine Coaching-Vereinbarung hilft dem/der Klient:in, bewusste Entscheidungen über die Richtung des Gesprächs zu treffen.


3) Das Erstellen der Coaching-Vereinbarung hilft dem/der Klient:in bereits, sich vorwärts zu bewegen:

Im lösungsfokussierten Coaching hilft der/die Coach dem/der Klient:in, ein Ziel des Gesprächs zu identifizieren, das er/sie als das Vorhandensein von etwas und nicht als das Fehlen von etwas beschreiben kann (z.B. "Ich möchte aufhören alles aufzuschieben" ist nicht wirklich ein gutes Coaching-Ziel, ein:e gute:r Coach würde stattdessen fragen, was der/die Klient:in möchte). Das Ziel sollte etwas sein, das der/die Klient:in beeinflussen kann (z.B. "mein Chef muss sich ändern" ist kein sehr gutes Coaching-Ziel) und etwas, das für den/die Klient:in wichtig ist und das das Leben des/der Klient:in verändern wird.

Wenn ein:e Klient:in herausfindet, was er/sie will, statt was er/sie nicht will, was er/sie beeinflussen kann und was nicht und was ihm/ihr wichtig ist, ist er/sie in der Regel viel näher an seinem/ihrem Ziel als vorher. Die Coaching-Vereinbarung ist nicht etwas, das vor dem eigentlichen Coaching passiert. Wenn Sie den/die Klient:in einladen, über das Ergebnis nachzudenken, das sich von der Sitzung wünscht, sind Sie bereits im Coaching!


4) Eine Coachingbereinbarung hilft dem/der Klient:in zu erkennen, wann er/sie einen Schritt nach vorne macht

Wenn Sie dem/der Klient:in dabei helfen, zu definieren, woran er/sie den Fortschritt erkennt, wird es für ihn/sie einfacher zu erkennen, wann er/sie sich vorwärts bewegt. Wenn Klienten sich auf den Fortschritt konzentrieren, den sie machen, werden sie schnell erkennen, ob das, womit sie experimentieren, funktioniert oder nicht. Wenn sie Fortschritte erkennen, ist es leichter, mehr von dem zu tun, was funktioniert. Einen Schritt nach dem anderen in eine gewünschte Richtung zu machen, ist so viel motivierender als von etwas wegzukommen. Eine Wachstumsmentalität wird unterstützt: "Ich mache Fortschritte, ich lerne!", anstatt: "Ich bin ein Versager, warum habe ich das nicht schon früher kapiert?"

Klingt doch alles plausibel – gibt es also tatsächlich Blickwinkel, aus denen eine Coaching-Vereinbarung keinen Sinn macht?

Ich persönlich denke, dass es sie gibt. Wir wissen nicht wirklich, wohin ein Coaching-Gespräch (oder irgendein Gespräch) führen wird. Gespräche sind emergent und ähneln eher einem Tanz als einem militärischen Marsch zu einem Ziel. In der narrativen Therapie zum Beispiel wird der/die Therapeut:in einfach mit dem mitgehen, worüber der/die Klient:in zu sprechen beginnt, ohne ihn/sie zu Beginn der Sitzung aufzufordern, an ein Ergebnis zu denken. Der/die Therapeut:in hört dann genau auf die impliziten und expliziten Intentionen des/der Klient:in. Bei jedem Schritt des Weges entscheiden Therapeut:in und Klient:in gemeinsam, wohin das Gespräch gehen soll.

Kürzlich habe ich zwei schöne Coaching-Sitzungen beobachtet, in denen die Klienten einfach beschreiben wollten, wie sie ihrer Erfahrung einen Sinn geben. Es gab keine Absicht für einen ersten Schritt oder ein Ergebnis, der Wunsch war einfach, über ein Thema zu sprechen und zu schauen, welche Bedeutung dabei herauskommt. Sowohl die lösungsfokussierten Hardliner als auch die Assessoren der International Coaching Federation hätten der Coach wahrscheinlich nahegelegt, darauf zu bestehen, dem/der Klient:in zu Beginn der Sitzung das zu entlocken, was er/sie sich davon erhofft. Ich war in der glücklichen Situation, dass sowohl die Klienten als auch die Coaches bei einer Mentoring-Sitzung zu diesen Aufnahmen anwesend waren. Ich fragte, ob die Klienten eine Frage wie die folgende hätte beantworten können: "Angenommen, Sie sprechen über das Thema und die Bedeutung, die sich daraus ergibt, auf eine sehr fruchtbare Art und Weise, welchen Unterschied würde das machen?" Beide Klienten sagten, dass nicht hätten wissen können, was auftaucht oder entsteht, bevor es auftaucht.


Müssen wir also immer eine kristallklare Coaching-Vereinbarung haben, bevor wir in der Sitzung weitermachen? In den meisten Fällen - das ist eine wirklich gute Idee! In allen? Ich bin mir nicht sicher.

Ich denke, gute offene Fragen sind immer besser als voreilige Gewissheiten.


Photo by Leon Seibert on Unsplash

6 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen