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  • Katja von Glinowiecki. ICF Professional Certified Coach (PCC)

Coaching gegen Chaos

Es gibt Kinder, die seit der Grundschule wissen, was sie später werden wollen. Vielen fehlt aber noch immer eine Idee, wenn ihre Schulzeit vorbei ist. Die konfuse Zeit nach der Schule stellt viele Familien vor eine emotionale Belastungsprobe. Eltern würden gerne helfen, obwohl sie wissen, dass sie in dieser Phase nur eins können: nerven. Ein Coaching kann helfen.

Paula war in ihrer gesamten Schulzeit leistungsorientiert, strahlend und aufmerksam. Ihr Abi machte sie mit einem Schnitt von 1,2 – nebenher pflegte sie Hobbies und Freundschaften. Ein paar Wochen nach der Schule blieb sie tagelang im Bett, hörte auf von ihren Plänen zu reden und war kaum zu einer Unternehmung zu motivieren.

Louis dagegen war nur ein mittelmäßiger Schüler, dem das Zocken mehr Spaß machte, als gute Noten nach Hause zu bringen. Streit mit seinen Eltern waren alle Beteiligten gewohnt – bis er seine Schule beendete. Ab da sprach er keinen Ton mehr. Er wollte nicht reden und nicht streiten. Er boykottierte die gemeinsamen Mittagessen und verließ die Familiengruppe auf WhatsApp.

Für viele junge Erwachsene, die das klar strukturierte Schulsystem verlassen, übernimmt erst mal das Chaos das Ruder. Ein typischer Denkfehler, der den Aufbruch verhindert, ist, dass viele glauben, nach der Schule eine Entscheidung treffen zu müssen, die sie für den Rest ihres Lebens mit 100prozentiger Überzeugung zu tragen haben.

Was also nach Faulheit aussieht, ist in Wirklichkeit Überforderung. Die Situation verschärft sich, wenn Eltern, Familie und der Freundeskreis anfangen Ratschläge zu geben. Louis erzählt, dass er sich in dieser Zeit noch weniger gesehen fühlte als bisher, weil die Tipps mehr mit den Vorlieben der Absender zu tun hatten und ihn nur noch einsamer machten.

Nicht neu, sondern anders lernen eigene Ziele zu verfolgen

Er und Paula fanden den Weg zum Orientierungs-Coaching. Seit mehr als 10 Jahren arbeite ich als Kommunikations-und Verhaltenstrainerin und als Coachin für Führungskräfte, die in Entscheidungsprozessen stecken, und biete meine Leistungen seit letztem Jahr auch jungen Erwachsenen an. Die Idee dazu entstand in einem Prozess, denn zum einen wurden die Führungskräfte, die ich coache, selbst immer jünger und zum anderen häuften sich die Herausforderungen in meinem Bekanntenkreis, deren Kinder nach der Schule einfach keine Ziele mehr hatten.

Weil gut ausgebildete Coaches viel Geld und Zeit in ihre Qualifikation investieren, kam diese Art der Begleitung bisher oft nur für Führungskräfte aus Unternehmen in Frage. Doch durch den großen Bedarf könnte der Markt für Jugendliche auf der Suche nach Orientierung schnell weiter wachsen. Zwar wird hier weniger verdient, aber die Sinnhaftigkeit macht das für Coaches, wie mich, wieder wett.

Den eigenen Gedanken Flügel verleihen

Alternativen, Ruhe und Entwicklungsprozesse werden in einem geschützten Raum entwickelt. Paula formulierte ihr Dilemma so: „Ich kann viele Sachen richtig gut, aber wofür genau soll ich mich entscheiden?“ oder „Ich hab so viele Hobbies. Ist das meine Leidenschaft, die ich zum Beruf machen sollte?“ Bei manchen jungen Leuten wie Louis ist auch einfach nur die Luft raus. Er hat sein persönliches Maximum für das Abi investiert und keine Lust mehr auf ein Studium. Die Vorstellung, eine Ausbildung zu machen, dachte er, würde seine Familie nicht akzeptieren.

Coaching ist grundsätzlich ein anderer Ansatz als die Berufs- und Studienberatung, denn es hat statt einer Lenkfunktion eine Denkfunktion. Es handelt sich um offene Prozesse, in denen bisher unbekannte Alternativen und Entscheidungen gefunden werden. Außerdem bedeutet Coaching nicht, Allianzen mit der Chefetage – in diesem Fall mit den Eltern - zu schmieden. Die beste Voraussetzung ist, an die Entscheidungsfähigkeit der eigenen Kinder zu glauben. Wenn Eltern Ultimaten setzen und das Nichtfunktionieren mit Sanktionen bestrafen, entsteht eine angespannte Atmosphäre, in der niemand mehr frei denken kann. Elternteile, die aktiv etwas tun möchten, können sich fragen, wie gut sie selbst das glückliche Leben als Vorbildfunktion vorleben und welche Schritte als nächstes zu gehen wären, um hier besser zu werden.








Katja von Glinowiecki. ICF Professional Certified Coach (PCC). Intercultural Trainer. Consultant & Diversity Specialist.



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